Vorabpauschale bei Degiro: So berechnest du sie selbst
Degiro führt die Vorabpauschale nicht automatisch ab wie eine deutsche Bank. So berechnest du sie selbst und trägst sie richtig in der Steuererklärung ein.

Degiro schickt dir im Januar keine Abrechnung für die Vorabpauschale auf deine ETFs, so wie es eine deutsche Bank tun würde. Das heißt nicht, dass du nichts schuldest. Es heißt nur, dass niemand außer dir die Rechnung aufmacht.
Für jeden thesaurierenden Fonds oder ETF im Depot unterstellt das Finanzamt einen jährlichen Mindestertrag, ganz unabhängig davon, ob der Fonds tatsächlich ausgeschüttet hat. Diesen Ertrag musst du versteuern, auch wenn du keinen einzigen Anteil verkauft hast. Bei einer deutschen Bank läuft das im Hintergrund über den Freistellungsauftrag. Bei Degiro läuft es über dich.
Was die Vorabpauschale eigentlich ist
Die Vorabpauschale wurde mit der Investmentsteuerreform 2018 eingeführt, um eine unbegrenzte Steuerstundung bei thesaurierenden Fonds zu verhindern. Ohne sie könntest du Gewinne theoretisch jahrzehntelang unversteuert im Fonds belassen, solange du nichts verkaufst. Die Vorabpauschale sorgt dafür, dass wenigstens ein Basisertrag pro Jahr der Steuer unterliegt, unabhängig vom tatsächlichen Verkaufszeitpunkt.
Rechtsgrundlage ist § 18 InvStG für die Berechnung und § 20 InvStG für die Teilfreistellung, die weiter unten eine Rolle spielt.
So wird sie berechnet
Die Formel ist simpler, als sie klingt: Fondswert zu Jahresbeginn multipliziert mit dem Basiszins, multipliziert mit 0,7. Das Ergebnis ist der sogenannte Basisertrag, und der ist gedeckelt auf den tatsächlichen Wertzuwachs des Anteils im selben Jahr. Ist der Fonds gefallen oder weniger gestiegen als der rechnerische Basisertrag, zählt nur der kleinere Wert.
Ein Beispiel für das Steuerjahr 2025, in dem der Basiszins bei 2,53 Prozent lag: Ein ETF-Anteil war zu Jahresbeginn 100 Euro wert. 2,53 Prozent davon, multipliziert mit 0,7, ergibt 1,77 Euro Basisertrag pro Anteil. Auf diesen Betrag wird dann noch die Teilfreistellung angewendet, bevor überhaupt Steuer berechnet wird.
Der Basiszins ändert sich jedes Jahr
Das Bundesfinanzministerium legt den Basiszins jährlich im Januar neu fest, abgeleitet aus der Rendite langfristiger Bundesanleihen. Für 2025 waren es 2,53 Prozent, für 2026 wurden es 3,20 Prozent. Der Satz für ein bestimmtes Jahr fließt dir steuerlich erst am 2. Januar des Folgejahres zu, das lohnt sich im Kopf zu behalten, bevor du zwei Jahresangaben verwechselst. Die Vorabpauschale für 2026 mit dem höheren Satz wird also erst am 2.1.2027 fällig und taucht in der Steuererklärung auf, die du 2027 abgibst.
Warum Degiro hier nicht einspringt
Bei einer deutschen Bank reicht ein Freistellungsauftrag, und die Bank behält die Abgeltungsteuer auf die Vorabpauschale automatisch ein, verrechnet mit deinem Sparer-Pauschbetrag. Degiro kann das strukturell nicht. Als niederländischer Broker darf Degiro keinen Freistellungsauftrag entgegennehmen und keine deutsche Steuerbescheinigung ausstellen. Wie das auch bei der Quellensteuer auf US-Dividenden zum Problem wird, haben wir bereits einmal aufgeschlüsselt. Bei der Vorabpauschale ist das Prinzip dasselbe: Degiro zahlt schlicht keine deutsche Steuer, weder mit noch ohne Freibetrag. Die gesamte Meldung liegt bei dir.
Praktisch bedeutet das: Degiro stellt im WebTrader nach Jahresende einen Jahressteuerbericht mit den relevanten Werten bereit. Was damit in der Steuererklärung passiert, ist laut Degiros eigenem Helpdesk allein Sache der Kundin oder des Kunden.
Was du konkret tun musst
Kapitalerträge insgesamt gehören in die Anlage KAP. Fondsspezifische Positionen wie die Vorabpauschale, die Teilfreistellung und realisierte Fondsgewinne gehören zusätzlich in die Anlage KAP-INV, die genau für diesen Fall eingeführt wurde. Den Sparer-Pauschbetrag von 1.000 Euro für Einzelveranlagte oder 2.000 Euro bei gemeinsamer Veranlagung trägst du über die Anlage KAP ein, er gilt für alle Kapitalerträge zusammen und nicht nur für die Vorabpauschale.
Für die meisten ETFs bei Degiro, etwa auf MSCI World oder S&P 500, greift als Aktienfonds eine Teilfreistellung von 30 Prozent. Das ist aber keine universelle Regel. Ob ein konkreter Fonds als Aktienfonds gilt, steht im Kundeninformationsdokument des Fonds, und du solltest es dort nachschlagen statt es anzunehmen. Bei welcher Zeile in der Anlage KAP-INV welcher Wert genau landet, ändert sich zwischen den Steuerjahren geringfügig. Prüfe das aktuelle Formular oder sprich mit einer Steuerberatung, bevor du dich auf eine Zeilennummer aus einem älteren Artikel verlässt.
Der Irrtum, der am meisten kostet
Der teuerste Denkfehler bei Degiro-Nutzerinnen und -Nutzern: keine Steuerbescheinigung zu bekommen und daraus zu schließen, es sei nichts zu versteuern. Genau das Gegenteil ist der Fall. Die fehlende Bescheinigung bedeutet nur, dass niemand die Arbeit für dich übernommen hat, nicht dass keine Arbeit anfällt.
Wer nach einem Wechsel von einer deutschen Bank zu Degiro die erste eigene Steuererklärung mit Fondsanteilen macht, übersieht die Vorabpauschale am häufigsten in genau diesem Moment. Ein klarer Überblick über den Depotwert zum Jahresanfang macht die Rechnung deutlich einfacher, egal ob du sie manuell führst oder mit einem Portfolio-Tracker.
Häufig gestellte Fragen
Was ist die Vorabpauschale bei ETFs?
Die Vorabpauschale ist ein gesetzlich unterstellter Mindestertrag, den du auf thesaurierende Fonds und ETFs versteuerst, selbst wenn der Fonds keine Ausschüttung vorgenommen hat und du keinen Anteil verkauft hast. Sie soll verhindern, dass die Besteuerung auf unbestimmte Zeit aufgeschoben wird.
Wie hoch ist der Basiszins für die Vorabpauschale 2025 und 2026?
Das Bundesfinanzministerium hat den Basiszins zum 2.1.2025 auf 2,53 Prozent festgesetzt, zum 2.1.2026 auf 3,20 Prozent. Der jeweilige Satz gilt für das Jahr, für das er veröffentlicht wurde, und fließt erst am 2. Januar des Folgejahres steuerlich zu.
Warum zieht Degiro die Vorabpauschale nicht automatisch ab?
Ein Freistellungsauftrag lässt sich nur bei einem in Deutschland lizenzierten Kreditinstitut hinterlegen. Degiro ist ein niederländischer Broker und kann deshalb keine deutsche Abgeltungsteuer einbehalten oder eine deutsche Steuerbescheinigung ausstellen. Die komplette Berechnung und Angabe bleibt bei dir.
Muss ich die Vorabpauschale auch zahlen, wenn mein ETF im Jahr im Minus lag?
Nein. Die Vorabpauschale ist auf den tatsächlichen Wertzuwachs des Fondsanteils im jeweiligen Jahr gedeckelt. Bei einem Kursrückgang oder einem Zuwachs unterhalb des rechnerischen Basisertrags fällt keine oder nur eine anteilige Vorabpauschale an.
Wo trage ich die Vorabpauschale in der Steuererklärung ein?
Kapitalerträge insgesamt gehören in die Anlage KAP, fondsspezifische Positionen wie die Vorabpauschale und die Teilfreistellung zusätzlich in die Anlage KAP-INV. Die genaue Zeilennummer ändert sich gelegentlich zwischen den Steuerjahren, prüfe sie im aktuellen Formular oder mit einer Steuerberatung.
