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Berichtssaison: Was Quartalszahlen für dein Depot bedeuten

Die Berichtssaison zum dritten Quartal läuft. Warum Europas 21 % Gewinnplus vor allem Energie ist, warum ASML trotz Rekordmarge fiel und was dein Depot bewegt.

Zune.Money TeamOctober 15, 202610 min read
Ein Stapel gedruckter Quartalsberichte auf einem hellen Eichenschreibtisch neben einem Laptop und einem Messingstift im Morgenlicht, als Sinnbild für die Berichtssaison und dein Depot

Die Berichtssaison hat diese Woche begonnen, und die ersten beiden großen Berichte aus Europa zeigen schon ihre wichtigste Lehre. Am Montag, dem 12. Oktober, legte LVMH Umsatzzahlen für das dritte Quartal vor, die den Prognosen entsprachen. Die Sparte Mode und Lederwaren schrumpfte aber um 5 %, erwartet hatten Analysten etwa 2 %. Am Mittwoch, dem 14. Oktober, meldete ASML eine Rekord-Bruttomarge von 57,5 % und übertraf die Gewinnprognosen. Die Aktie fiel trotzdem.

In der Berichtssaison geht es nicht darum, ob ein Unternehmen Geld verdient hat. Es geht darum, ob es mehr verdient hat, als der Markt ohnehin angenommen hatte. Für dein Depot zählen oft die Quartalsberichte von Unternehmen am meisten, die du nie ausgesucht hast, weil dein ETF sie für dich hält.

Unten liest du, was hinter den 21 % Gewinnwachstum für Europa steckt, was ASML und LVMH über das Lesen von Quartalszahlen zeigen, und ein Rechenbeispiel in Euro, das zeigt, welche Berichte ein typisches Depot wirklich bewegen.

Was ist die Berichtssaison?

Die Berichtssaison ist der Zeitraum von etwa sechs Wochen nach dem Ende jedes Kalenderquartals, in dem die meisten börsennotierten Unternehmen ihre Quartalszahlen veröffentlichen. Für das dritte Quartal (Juli bis September) läuft sie von Mitte Oktober bis Mitte November.

Ein typischer Berichtstag hat drei Teile:

  • Die Pressemitteilung. Umsatz, Gewinn, Margen und die ein oder zwei Kennzahlen, die für das jeweilige Geschäft am meisten zählen, etwa Auftragseingang oder organisches Wachstum.
  • Der Ausblick (Guidance). Die eigene Prognose des Unternehmens für das nächste Quartal oder das Gesamtjahr.
  • Die Telefonkonferenz. Das Management beantwortet Fragen von Analysten, meist wenige Stunden nach der Veröffentlichung.

Jede Zahl wird mit dem Konsens verglichen, der durchschnittlichen Prognose der Analysten, die die Aktie beobachten. Der Kurs reagiert auf die Lücke zwischen beiden, nicht auf die Zahl selbst.

Europas Quartalszahlen: 21 % Wachstum, vor allem aus Energie

Die Schlagzeile klingt stark. Laut Daten von LSEG I/B/E/S, über die Reuters am 9. Oktober berichtete, erwarten Analysten für die Unternehmen im STOXX 600 im dritten Quartal insgesamt ein Gewinnwachstum von 21 %. Beim Umsatz rechnen sie mit einem Plus von 10,6 %.

Eine Zeile weiter sieht das Bild anders aus.

GruppeErwartetes Gewinnwachstum im 3. Quartal
STOXX 600, alle Unternehmen+21 %
Energiesektor+115,9 %
STOXX 600 ohne Energie+9,7 %
Immobiliensektor-71,5 %

Die Energiekonzerne sollen ihre Gewinne mehr als verdoppeln, gestützt von deutlich höheren Ölpreisen als vor einem Jahr. Ohne sie sinkt das Wachstum auf 9,7 %. Das ist ordentlich, aber weniger als die Hälfte der Schlagzeile.

Hältst du wenig oder gar keine Öl- und Gaswerte, ist die „starke Berichtssaison“ aus den Nachrichten zum großen Teil nicht deine. Ein Welt-ETF hält ein paar Prozent in Energie. Ein typisches DEGIRO-Depot mit europäischen Qualitätsaktien hält oft gar keine.

Zwei Quartalsberichte dieser Woche und was sie zeigen

ASML: Rekordquartal, fallender Kurs

Die Pressemitteilung von ASML zum dritten Quartal vom 14. Oktober zeigte einen Nettoumsatz von 11,7 Mrd. €, einen Nettogewinn von 5,0 Mrd. € und eine Bruttomarge von 57,5 %, ein Rekord. Für das vierte Quartal stellte ASML einen Umsatz von 14,2 bis 15,2 Mrd. € in Aussicht, für das Gesamtjahr 2026 44 bis 45 Mrd. €.

Das meiste davon waren gute Nachrichten. Die Aktie fiel trotzdem, im US-Handel an diesem Tag um etwa 2 %. Drei Details erklären das:

  • Der Umsatz lag knapp darunter. 11,66 Mrd. € gegenüber einem Konsens von etwa 11,72 Mrd. €. Wenig, aber bei einer hohen Bewertung zählen auch kleine Verfehlungen.
  • Ein Teil des Gewinnplus kam nicht aus dem Verkauf von Maschinen. Rund 0,5 Mrd. € stammten aus einem höheren Buchwert der Beteiligung an Mistral AI. Analysten rechnen das heraus.
  • Die Auftragszahl fehlte. ASML veröffentlicht den Auftragseingang nicht mehr, also die Zahl, mit der viele Anleger früher die künftige Nachfrage eingeschätzt haben.

Dazu kam ein schwacher Markttag. US-Inflationsdaten, die am Morgen höher als erwartet ausfielen, trieben die Anleiherenditen nach oben, und Chipaktien fielen auf breiter Front.

LVMH: insgesamt im Rahmen, schwach an der entscheidenden Stelle

Die Mitteilung von LVMH zum dritten Quartal vom 12. Oktober zeigte einen Umsatz von etwa 18,5 Mrd. €, organisch 1 % mehr als im Vorjahr. Das entsprach dem Konsens.

Das Problem lag innerhalb der Summe. Mode und Lederwaren, die Sparte mit dem größten Gewinnbeitrag des Konzerns, sank organisch um 5 %. Erwartet war ein Rückgang von etwa 2 % bis 2,5 %. Hauptgrund war die schwächere Nachfrage in China. Parfüm und Kosmetik, Uhren und Schmuck, Wein und Spirituosen sowie der selektive Einzelhandel wuchsen, sind aber kleiner und weniger profitabel.

Die Lehre aus beiden Berichten: Lies die Zeile, die den Gewinn treibt, nicht die Zeile, die die Schlagzeile macht. Bei ASML ist das die Nachfrage nach künftigen Maschinen. Bei LVMH sind es Mode und Lederwaren.

Warum Aktien trotz guter Zahlen fallen

Fällt eine Aktie, obwohl das Unternehmen die Erwartungen übertroffen hat, ist das kein Fehler des Marktes. Meist steckt einer von vier Gründen dahinter:

  1. Das Plus war schon eingepreist. Vor großen Berichten handeln Anleger oft auf das, was sie erwarten. Ist der Kurs vor den Zahlen gestiegen, bestätigt ein Plus nur, was schon im Preis steckt.
  2. Der Ausblick enttäuschte. Ein starkes Quartal mit vorsichtigem Ausblick verliert meist gegen ein schwaches Quartal mit starkem Ausblick.
  3. Die Qualität des Plus war gering. Einmalgewinne, Steuereffekte oder Neubewertungen von Beteiligungen zählen weniger als mehr Umsatz oder höhere Margen.
  4. Der Markt hat sich bewegt. An einem Tag, an dem die Zinsen springen oder ein ganzer Sektor fällt, gehen gute Unternehmensnachrichten unter.

Das gilt auch umgekehrt. Ein Unternehmen kann die Erwartungen verfehlen und trotzdem steigen, weil sich der Ausblick verbessert hat oder die Verfehlung kleiner war als befürchtet.

Welche Quartalszahlen bewegen dein Depot am stärksten?

Nimm ein Depot mit 30.000 € bei DEGIRO: ein Welt-ETF als Kern und vier europäische Aktien drumherum.

Für den ETF-Teil nehmen wir das Gewicht der sieben größten US-Techkonzerne im MSCI World, das Ende September 2026 bei 24,76 % lag (laut MSCI-Factsheet), gerundet auf 25 %.

EngagementWie du es hältstWertAnteil am Depot
Sieben größte US-TechkonzerneIm Welt-ETF5.250 €17,5 %
Rest des Welt-ETFsIm Welt-ETF15.750 €52,5 %
ASMLDirekt3.000 €10 %
LVMHDirekt2.000 €6,7 %
TotalEnergiesDirekt2.000 €6,7 %
AllianzDirekt2.000 €6,7 %
Summe30.000 €100 %

Dieser Anleger hat seine vier Aktien sorgfältig ausgewählt und wird vermutlich jeden ihrer Quartalsberichte lesen. Die sieben US-Techkonzerne, die er nie ausgesucht hat, machen aber 17,5 % des Depots aus, mehr als ASML und LVMH zusammen.

Nimm jetzt an, jede Position bewegt sich am Berichtstag um 8 %. Für eine Einzelaktie ist das viel, aber nicht ungewöhnlich. Die Wirkung auf das ganze Depot:

BerichtAnteil am DepotWirkung einer Bewegung von 8 % auf das Depot
Sieben größte US-Techkonzerne (zusammen)17,5 %420 € (1,4 %)
ASML10 %240 € (0,8 %)
LVMH6,7 %160 € (0,5 %)
TotalEnergies6,7 %160 € (0,5 %)

Diese sieben Konzerne bewegen sich selten gemeinsam um 8 %. Sieh die erste Zeile deshalb als Obergrenze. Selbst mit der Hälfte davon bleiben sie der größte einzelne Treiber in der Berichtssaison dieses Depots. Die meisten von ihnen berichten üblicherweise in der letzten Oktoberwoche. Diese Woche dürfte für dieses Depot mehr zählen als der Tag, an dem ASML seine Zahlen vorgelegt hat.

Dieselbe Logik erklärt, warum dein ETF an einem Tag fallen kann, an dem alle deine eigenen Aktien unverändert sind. Wie du diese versteckten Positionen findest, zeigt unser Beitrag zum Klumpenrisiko im MSCI World und zur ETF-Überschneidung.

Liegen deine Positionen bei DEGIRO, importiert der DEGIRO Portfolio-Tracker von Zune.Money deine Transaktionen und zeigt jede Position mit Eurowert und Gewichtung, also die ersten beiden Spalten der Tabellen oben.

So prüfst du die Berichtssaison gegen dein Depot in 6 Schritten

Das dauert zu Beginn jeder Saison etwa 30 Minuten.

  1. Liste deine Positionen mit ihrer Gewichtung auf. Nimm alle Broker mit. Schau dann in deine ETFs und notiere ihre fünf oder zehn größten Positionen mit deinem Eurobetrag in jeder.
  2. Behalte nur, was über 3 % deines Depots liegt. Darunter bewegt ein einzelner Bericht deine Summe selten um mehr als ein paar Zehntelprozent.
  3. Such die Berichtstermine heraus. Nimm die Investor-Relations-Seite jedes Unternehmens. Kostenlose Kalender im Netz liegen oft einen Tag daneben.
  4. Notiere vor dem Bericht eine Zahl pro Unternehmen. Nicht den Kurs, sondern die Zahl, die das Geschäft treibt: Auftragseingang bei einem Maschinenbauer, organisches Wachstum nach Sparten bei einem Luxuskonzern, Zinsüberschuss bei einer Bank. Ergänze, was der Ausblick im letzten Quartal gesagt hat.
  5. Vergleiche nach der Veröffentlichung erst diese Zahl, dann den Ausblick. Ignoriere das „übertroffen“ oder „verfehlt“ in der Schlagzeile, bis du beides gelesen hast.
  6. Entscheide nur, wenn sich dein Grund für die Aktie geändert hat. Ein Kursrückgang am Berichtstag ist für sich kein Grund. Ein schrumpfendes Kerngeschäft oder ein Ausblick, der zum zweiten Mal in Folge gesenkt wird, kann einer sein.

Heb die Notizen auf. Im nächsten Quartal siehst du, ob die Geschichte, für die du gekauft hast, noch trägt. Das ist mehr wert als jedes einzelne Ergebnis.

Was du in der Berichtssaison besser lässt

Handle nicht in der ersten Stunde. Die erste Kursbewegung dreht sich oft innerhalb weniger Tage, sobald Analysten die Details gelesen und die Telefonkonferenz gehört haben.

Verwechsle den Index nicht mit deinem Depot. Ein Gewinnwachstum von 21 %, das vor allem Ölkonzerne tragen, sagt wenig über ein Depot aus Chipherstellern und Luxuskonzernen.

Lass nicht ein einzelnes Ergebnis deine ganze Aufteilung ändern. Kann ein einzelner Bericht dir ernsthaft schaden, ist die Position zu groß. Korrigiere die Größe, nicht den Zeitpunkt. Unser Beitrag zur KI-Blase und deinem Depot zeigt, wie du misst, wie viel deines Geldes an einem einzigen Thema hängt. Der Beitrag zu KI-Energieaktien in Europa behandelt die Industriewerte wie Schneider und Legrand, die in den nächsten Wochen ihre Zahlen zum dritten Quartal vorlegen.

Nichts hiervon ist eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf einer Aktie. Die Steuerregeln für Verkäufe unterscheiden sich von Land zu Land, in Deutschland etwa durch die Abgeltungsteuer. Sprich mit einer Steuerberatung, bevor du eine große Position verkaufst.

Dein Depot durch die Berichtssaison begleiten

Die Tabellen oben brauchen eine Tabellenkalkulation und etwas Geduld. Importiere deine DEGIRO-CSV in Zune.Money, und deine Positionen, Gewichtungen und Eurowerte bleiben von selbst aktuell. So siehst du vor den Berichten, welche für dich zählen, und danach, was sie mit deiner Summe gemacht haben. Der kostenlose Plan umfasst den Import und die vollständige Positionsliste.

Häufig gestellte Fragen

Wann endet die Berichtssaison zum dritten Quartal?

Die meisten großen Unternehmen aus Europa und den USA legen ihre Zahlen zum dritten Quartal zwischen Mitte Oktober und Mitte November vor. Einige große Namen berichten später. Nvidia zum Beispiel hat ein Geschäftsjahr, das im Januar endet. Die Zahlen für das Quartal von August bis Oktober kommen deshalb meist in der zweiten Novemberhälfte.

Was heißt es, wenn ein Unternehmen die Erwartungen übertrifft?

Die gemeldete Zahl, meist der Gewinn je Aktie oder der Umsatz, liegt über der durchschnittlichen Prognose der Analysten, die die Aktie beobachten. Diesen Durchschnitt nennt man Konsens. Ob die Aktie günstig ist, sagt das nicht. Enttäuschen der Ausblick oder eine wichtige Kennzahl, kann der Kurs trotzdem fallen.

Was bedeutet Guidance in einem Quartalsbericht?

Guidance ist die Prognose, die ein Unternehmen für seine eigenen künftigen Ergebnisse abgibt, etwa eine Umsatzspanne für das nächste Quartal oder das Wachstum im Gesamtjahr. Anleger achten oft stärker auf diesen Ausblick als auf das abgelaufene Quartal, weil der Aktienkurs die Erwartung künftiger Gewinne abbildet, nicht vergangene.

Sollte ich eine Aktie vor den Quartalszahlen verkaufen?

Für langfristige Anleger lohnt es sich selten, nur wegen der Kursbewegung am Berichtstag zu verkaufen. Der Kurs kann in beide Richtungen ausschlagen, und für das Aussitzen zahlst du Gebühren und womöglich Steuern. Kann ein einzelner Bericht dir ernsthaft schaden, liegt das Problem bei der Positionsgröße, nicht beim Termin.

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